30.10.2026 • von Shirley Schmolke

Zukunft vorausschauend mitgestalten und mitverantworten

Prototypen entstehen längst nicht mehr nur dort, wo programmiert wird. Fähigkeiten, die früher klar einem Bereich zugeordnet waren, finden sich zunehmend im ganzen Team. Product Manager bauen eigene Prototypen, Fachbereiche entwickeln Anwendungen selbst. Diese Entwicklungen beobachten wir auch in unserem eigenen Arbeitsalltag deutlich. Dabei stellt sich für Unternehmen die Frage, wie sie ihren Teams ermöglichen, Entwicklungen wie diese vorausschauend mitzugestalten. In diesem Artikel zeigen wir an unseren eigenen Erfahrungen, was das in der Praxis bedeutet und welche Perspektiven wir daraus für Unternehmen sehen.

Prototypen entstehen im ganzen Team

Bei uns ist Vibe Coding im Arbeitsalltag angekommen: Viele im Team bauen mit KI-Unterstützung eigene Prototypen und kleine Anwendungen, auch dort, wo bisher nicht programmiert wurde. In Kundenprojekten stehen erste Prototypen oft so schnell, dass Kunden regelmäßig überrascht sind. Dazu ersetzen wir immer mehr eingekaufte Werkzeuge durch eigene.

Neu ist die Ebene, nicht die Technikaffinität

Technikaffine Menschen gab es in jedem Bereich schon lange, etwa mit Tabellenkalkulation, Automatisierungswerkzeugen oder Low-Code-Plattformen. Gartner sprach bereits 2021 von Business Technologists, die außerhalb der IT technische Lösungen bauen. Neu ist, dass mit KI auch die Ebene erreichbar wird, die bisher Programmierkenntnisse voraussetzte, nämlich eigene Prototypen und Werkzeuge. Bei uns sind dadurch viele Kompetenzen im Team dazugekommen, und wir erwarten, dass noch mehr dazukommen.

Was es braucht, um Entwicklungen mitzugestalten

Doch nicht nur bei uns, auch bei Kunden und Partnern beobachten wir eine kontinuierlich wachsende Verschiebung von Rollen und Aufgabenbereichen. Ob ein Team Entwicklungen wie diese vorausschauend mitgestaltet, hängt maßgeblich davon ab, ob Unternehmen das nicht nur zulassen, sondern Menschen auch proaktiv dazu befähigen.

Erkenntnisse müssen ins Kerngeschäft fließen

Vorausschauend mitzugestalten heißt, neue Technologien und ihre Auswirkungen früh zu erkunden. Viele Erkenntnisse darüber, was Technologien möglich machen und wie sie mit Rollen, Aufgaben und Menschen in Wechselwirkung stehen, haben wir über mehrere Jahre insbesondere in unseren eigenen, teils staatlich geförderten, R&D-Projekten gewonnen. Wirklich wirken diese Erkenntnisse aber erst, wenn sie auch zurück ins Unternehmen und ins Kerngeschäft fließen und letztendlich auch unsere Kunden und Partner erreichen. So entwickelt sich R&D von einem eigenen, abgegrenzten Bereich mehr und mehr zu einem unternehmensweiten R&D-Mindset, mit dem jeder dazu befähigt wird, eigenverantwortlich zu explorieren und Erkenntnisse in echte Wirkung umzuwandeln.

Exploration braucht Enablement

Unserer Erfahrung nach gelingt Exploration am besten, wenn Menschen dafür selbst Verantwortung übernehmen. Schließlich geht es dabei nicht nur um Technologien, sondern zum Beispiel auch um die Zukunft der eigenen Rolle, des Unternehmens oder der eigenen Wirkung. Dafür müssen sie gut ausgestattet sein. Vorab sollte man klären, was ihnen im Weg stehen könnte, etwa:

  • fehlendes Wissen
  • fehlende Zugänge
  • fehlende Ressourcen
  • zu wenig Zeit
  • Abhängigkeiten
  • unklare Erwartungen

Engineering schafft die Infrastruktur

Zurück zu unserem Anfangsbeispiel: Die größte Veränderung in unserem Arbeitsalltag ist aktuell Vibe Coding. Wenn Prototypen im ganzen Team entstehen können, verändert das zwangsläufig auch die Rolle von Engineering. Engineering legt seinen Fokus auf eine sichere, kuratierte Infrastruktur, auf der andere Menschen im Team ihre Prototypen selbst bereitstellen und verantworten können. Damit wird Engineering selbst zu einer befähigenden Instanz im Team, und alle, die bauen, bauen auf dem auf, was Engineering sicher macht.

Prüfen und Verantworten wird zur Kernkompetenz

Eine sichere Infrastruktur ersetzt das Prüfen nicht. Schnell gebaut heißt nicht, dass etwas verlässlich ist: Ein Prototyp ersetzt weder eine geprüfte Architektur noch eine Sicherheitsprüfung, und je mehr Menschen bauen, desto wichtiger wird, dass jemand beurteilen kann, was wirklich tragfähig ist. Das gilt auch für Texte, Analysen und Designs, die mit KI entstehen. LeadDev, eine Fachplattform für Engineering-Führungskräfte, beschreibt im April 2026, dass Code zu erzeugen billig, ihn zu prüfen aber teuer ist. Prüfen und Verantworten wird damit zu einer Kernkompetenz, die alle brauchen, jeweils für das, was sie selbst verantworten.

Fazit

Wer zukunftsfähig bleiben will, sollte seinen Teams ermöglichen, die Zukunft vorausschauend mitzugestalten und mitzuverantworten. Dafür braucht es Verantwortung, die übertragen wird, Menschen, die dafür gut ausgestattet sind, und Erkenntnisse, die ins Kerngeschäft zurückfließen.Vibe Coding ist dabei nur ein Beispiel, das den Trend sichtbar macht und zeigt, wie sehr sich die Rollen aller Bereiche im Wandel befinden. Es ist zu erwarten, dass Bereichsgrenzen künftig weiter verschwimmen und Kompetenzprofile an Bedeutung gewinnen, ohne dass Spezialisierung an Wert verliert. Unternehmen sollten schon jetzt damit beginnen, bereichsübergreifend zu denken, Kompetenzen zu erfassen und den eigenverantwortlichen Kompetenzaufbau im Team zu fördern.

Über die Autorin

Ob komplexe Fachthemen, aktuelle Trends oder spannende Fakten – als erfahrene Redakteurin stellt Shirley die richtigen Fragen und spürt Geschichten auf, die erzählt werden wollen. Ihre Begeisterung für facettenreiche Themen steckt an und verwandelt selbst komplexe Inhalte in zugängliche, unterhaltsame Texte.

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