21.05.2026 • von Shirley Schmolke

Co-Kreation als Entwicklungsmotor

Wie stellen wir sicher, dass wir mit Zukunftsforschung tatsächlich wirksame Produkte entwickeln? Ein zentraler Baustein lautet Co-Kreation. Und zwar von der ersten Skizze bis zum Prototyp. Lisa, Lead Transformation Strategist, und Sascha, AI Transformation Manager, erklären am Beispiel unseres Projekts „Digitale Brücken“, warum echte Innovation den Reibungswiderstand der Realität braucht und wie Co-Kreation in der Praxis aussieht.

Mit Daten allein bauen wir keine tragfähigen Brücken

Shirley: Lisa, Sascha, ihr seid diesen Sommer mit eurem Workshop "Was wäre, wenn …? Alter, Technologie und soziale Nähe im Jahr 2035” auf Fachmessen und Festivals präsent, unter anderem sogar beim Ageing with Tech Festival 2026 und beim Waterkant Festival. Wie kam es dazu?

Lisa: Wir arbeiten im R&D Lab zurzeit am ZIM-geförderten Projekt „Digitale Brücken“. Da beschäftigen wir uns mit sozialer Isolation im Alter und schauen, wie wir mit Hilfe von AIoT Technologie präventiv gegensteuern können. Das ist natürlich eine sehr komplexe Fragestellung, die uns alle betrifft. Schließlich sind wir die Älteren von morgen und unsere Kinder eben die von übermorgen. Das verlangt nach einer menschenzentrierten Denke und echter Co-Kreation. Das bedeutet für uns, wir entwickeln Produkte nicht im stillen Kämmerlein oder eben unserem R&D Lab, sondern holen facettenreiche Perspektiven und reale Bedürfnisse direkt mit uns an den Designtisch. Dafür nutzen wir natürlich schon von Beginn an Umfragen, führen Interviews und setzen auf Co-Creation. 

Sascha: Genau. Umfragen und Nutzerinterviews liefern uns da viele wertvolle Daten und ein co-kreativer Workshop wie dieser liefert echten, lebendigen Diskurs. Wir haben viel mehr Raum, um mit unterschiedlichen Perspektiven konkrete Praxisbeispiele zu beleuchten und weiterzudenken. Damit sinkt das Risiko, mit Vollgas an den Menschen vorbei zu entwickeln. Es hat auch den Effekt, mehr Menschen für unsere explorative, strategische Herangehensweise an komplexe Themen zu begeistern. Wir motivieren sie, den Status Quo systematisch zu hinterfragen und digitale Zukunft aktiv mitzugestalten, statt sie nur auf sich zukommen zu lassen.

Soziale Isolation ist ein Systemfehler, keine persönliche Schwäche

Shirley: Was macht das Thema soziale Isolation in euren Augen so herausfordernd?

Lisa: Soziale Isolation ist kein persönliches Versagen, sondern ein Systemfehler. Wir sind heute fast schon rund um die Uhr global vernetzt. Das Angebot ist riesig. Und trotzdem hört man in Umfragen immer wieder, dass viele Menschen ihre direkte Nachbarschaft nicht mehr kennen und sich zunehmend einsam fühlen. Und ganz besonders im Alter steigt das Risiko sozialer Isolation durch ganz unterschiedliche Faktoren wie zum Beispiel den Verlust von liebgewonnenen Menschen oder partnerschaftlichen Beziehungen. Und soziale Isolation ist einer der Hauptfaktoren, die Vereinsamung begünstigen. Und das ist ein messbar gesundheitsschädliches Problem, das sowohl die betroffenen Menschen als auch das Gesundheitssystem belastet. Also egal auf welcher Ebene man das Thema betrachtet, stößt man auf zahlreiche weitere vielschichtige Problembereiche, die alle ineinander greifen.

Sascha: Das Komplexe daran ist auch, dass die Warnzeichen so oft unbemerkt bleiben. Deshalb legen wir auch einen besonderen Fokus auf Prävention. Und dann kommt auch noch die grundsätzliche Haltung innerhalb der Gesellschaft und der Industrie dazu. Da wird der Begriff Hilfe nämlich in der Regel als einseitige Wohltätigkeit verstanden. Das schafft ein Gefälle. Wir glauben, dass es stattdessen mehr Gegenseitigkeit braucht. Also symbiotische Beziehungen, in denen alle Beteiligten gleichzeitig Gebende und Nehmende sind. Diese soziale Dynamik technologisch zu stützen, ohne die menschliche Nähe zu ersticken, ist eine wesentliche Herausforderung.

Symbiose statt Einbahnstraße: Die Idee von UsOS

Shirley: Was genau meinst du mit symbiotischen Beziehungen? Habt ihr da schon einen konzeptionellen Vorschlag, den ihr mit in die Workshops nehmt?

Sascha: Wir haben ja innerhalb der letzten Wochen und Monate schon viele Erkenntnisse in diesem Bereich gewonnen. Und auf Basis dessen ist dann unter anderem auch das Konzept für UsOS entstanden. Wir begreifen das als ein soziales Betriebssystem, das menschliche Nähe wahrscheinlicher macht. Es verbindet also Menschen, die etwas Bestimmtes suchen, mit den Menschen, die das passende Gegenstück dazu suchen und schlägt passende Angebote vor.

Lisa: Genau, es geht darum, echte Win-Win-Situationen zu schaffen. Du kannst dir das im Alltag ungefähr so vorstellen: Eine Person, sagen wir mal die 24-jährige Anna, sucht vielleicht Rat beim Gärtnern. Unabhängig davon hat der 78-jährige Karl sehr viel Ahnung in dem Bereich, aber nur selten die Gelegenheit, sein Wissen zu teilen, obwohl er das gerne machen würde. UsOS kann den beiden dann zum Beispiel erstmal wöchentliche 5-Minuten-Videocalls vorschlagen, um sie miteinander in Verbindung zu bringen. Und bestenfalls führt das dann auch dazu, dass sie sich regelmäßig treffen und die Verbindung festigen. 

Backcasting: Co-Kreation rückwärts gedacht

Shirley: Das ist ja schon eine relativ konkrete Idee. Wo genau setzt euer Workshop da jetzt an? Soll das Konzept UsOS von den Teilnehmenden weiter ausgebaut werden?

Lisa: Nein. UsOS wird von uns nicht als Produkt entwickelt, sondern eher als ein mögliches Zukunftsszenario eingeführt. Für den tatsächlichen Praxisteil des co-kreativen Workshops planen wir ein sogenanntes Backcasting. Das ist eine Planungs- und Innovationsmethode, bei der man eben nicht wie sonst üblich von der Gegenwart in die Zukunft denkt, sondern umgekehrt.

Sascha: Wir stellen zu Beginn eine bewusst provokante These in den Raum: „Ab 2035 ist gesetzlich festgelegt, dass jede Person zwischen 16 und 45 Jahren mindestens 30 Minuten pro Woche eine ältere Person begleitet.“ Diese Provokation bricht das Thema sofort auf. Daraus entwickeln die Gruppen im Diskurs ganz unterschiedliche, für sie erstrebenswerte Zukunftsbilder. Von diesen individuellen Zielbildern aus bewegen sich die Teilnehmenden in vier Schritten rückwärts. Dabei definieren sie, ausgehend vom fernen Zukunftsbild, logische Zwischenetappen rücklaufend bis ins Hier und Jetzt. Das hilft uns zu verstehen, welchen ersten Dominostein wir heute umwerfen müssen, um eine gewollte Entwicklung anzustoßen. So wird aus einer fernen Vision ein konkreter Fahrplan für unsere heutige Produktentwicklung.

Shirley: Warum eigentlich das Jahr 2035? Warum dieser weite Blick?

Sascha: Diese weite, zeitliche Distanz hilft uns dabei, die heutigen Barrieren im Kopf abzubauen. Das Jahr 2035 ist dafür weit genug weg, um frei darüber nachdenken zu können, in welcher Zukunft wir eigentlich leben wollen.

Lisa: Aber eben auch nicht zu weit, damit wir uns mit dieser Zukunft auch noch einigermaßen identifizieren können, ohne dass es zu abstrakt wird. Gerade für Teilnehmende, die im Vorfeld noch keine Berührung mit Zukunftsforschung hatten, braucht es da ein gutes Mittelmaß.

Co-Kreation weitet den strategischen Horizont

Shirley: Was versprecht ihr euch von den Ergebnissen aus diesem co-kreativen Workshop? Habt ihr da konkrete Erwartungen oder lasst ihr es einfach erstmal auf euch zukommen?

Lisa: Also, Erwartungen im Sinne von „richtig oder falsch“ haben wir nicht. Wir versprechen uns einfach eine Erweiterung unseres eigenen Horizonts. Wir wollen sehen, wie Menschen mit dem Backcasting-Ansatz umgehen und welche Hürden sie in den Jahren 2027 oder 2030 sehen, die wir im Lab vielleicht übersehen haben. Co-Kreation verhindert, dass wir mit Vollgas am Menschen und seinen Prozessen vorbei entwickeln.

Sascha: Richtig. Co-Kreative Angebote bedeuten für uns weit mehr als das bloße Einsammeln von Feedback. Sie schützen uns vor dem Arbeiten im "Elfenbeinturm". Wir gewinnen im direkten Austausch die nötigen Erkenntnisse für Entscheidungen im Projekt „Digitale Brücken“. Erst dieser gemeinsame, reibungsvolle Diskurs schafft die Handlungsfreiheit, die wir für eine echte gesellschaftliche Wirkung brauchen. Und ganz nebenbei macht es uns natürlich auch einfach Spaß.

Über die Autorin

Ob komplexe Fachthemen, aktuelle Trends oder spannende Fakten – als erfahrene Redakteurin stellt Shirley die richtigen Fragen und spürt Geschichten auf, die erzählt werden wollen. Ihre Begeisterung für facettenreiche Themen steckt an und verwandelt selbst komplexe Inhalte in zugängliche, unterhaltsame Texte.

Junge Frau, die herzlich lächelt