15.01.2026 • von Jonas Kellermeyer
Design Thinking Schritt für Schritt erklärt – inklusive Beispiel
Design Thinking gehört längst zu den wohl etablierten Methoden moderner Innovationsprozesse. Es ist weniger starres Framework, als viel mehr eine flexible Denkhaltung, die Neugier fördert, Komplexität reduziert und Entscheidungen bewusst an den Bedürfnissen realer Nutzer:innen ausrichtet. Doch wie funktioniert Design Thinking im Detail – und warum ist der Ansatz allgemein so wirksam?
Ein Blick auf den Prozess zeigt: Die Methode ist weniger ein linearer Ablauf als eine regelrechte Verästelung verschiedener methodologischer Bausteine, die eine Schleife des Lernens zum Ausdruck bringen. Es werden Annahmen überprüft, Perspektiven gewechselt und Lösungen iterativ und interaktiv weiterentwickelt.
Im Folgenden erklären wir Design Thinking Schritt für Schritt und zeigen anhand eines expliziten Beispiels, wie der Ansatz gelingen kann.
Was ist Design Thinking? Eine kurze Einführung
Design Thinking ist ein nutzerzentrierter Ansatz zur Problemlösung und Innovation. Er basiert auf drei grundlegenden Prinzipien:
- Nutzerzentrierung: Probleme werden aus der Perspektive der Menschen betrachtet, die später mit der Lösung in Interaktion treten.
- Iteratives Arbeiten: Lösungen entstehen durch kontinuierliches Testen, Verwerfen, Verbessern. Es handelt sich mehr um ein rückgekoppeltes Vorgehen als um lineare Zusammenhänge.
- Interdisziplinarität: Unterschiedliche Fachrichtungen arbeiten zusammen und erweitern den Blick auf das Problemfeld, ergänzen sich situativ oder fordern sich heraus.
Während viele Methoden darauf abzielen, schnell zu Entscheidungen zu kommen, besteht die Stärke des Design Thinking im bewusst verweilenden Zaudern: bevor man sich auf eine kanonisierte Lösung festlegt, muss ein geteiltes Verständnis der Problemstellung erreicht werden.
Die sechs Phasen des Design Thinkings
Auch wenn der Design Thinking Prozess nicht strikt linear ist, helfen sechs Phasen dabei, Struktur zu schaffen. Sie geben Orientierung und machen sichtbar, welche Denkbewegung gerade stattfindet.
1. Verstehen – Den Problemraum öffnen
Zu Beginn steht das Verstehen. Hier geht es darum, Kontextwissen aufzubauen und sich dem Problemfeld möglichst vorurteilsfrei zu nähern.
Typische Aktivitäten:
- Recherche zum Markt und zur Zielgruppe
- Analyse bestehender Produkte
- Gespräche mit Stakeholdern.
Ein guter erster Schritt ist eine einfache Frage: “Was wissen wir wirklich – und was glauben wir nur?”
2. Beobachten – Nutzer:innen erleben statt sie nur zu beschreiben
In dieser Phase wird das Verhalten realer Menschen beobachtet. Es geht weniger um Aussagen, als viel mehr um Handlungen, Routinen und entsprechende Muster.
Methoden, die in dieser Phase als besonders wichtig gelten:
- Interviews
- Shadowing
- Contextual Inquiry.
Ziel ist es, implizite Bedürfnisse sichtbar zu machen – also jene Dinge, die Nutzer:innen selbst nicht bewusst formulieren würden, die aber ihre Entscheidungen stark prägen.
3. Synthese – Den Blick für das Problem schärfen
Alle bis hierhin getätigten Schritte laufen zusammen, um aus bloßen Beobachtungen nun ein strukturiertes Verständnis entstehen zu lassen:
- Welche Muster zeigen sich?
- Welche Bedürfnisse sind zentral?
- Wo können Hürden vermutet werden?
In dieser Phase entsteht häufig ein Point of View (POV): eine präzise formulierte Problemdefinition. Ein guter POV ist in der Regel eng genug verfasst, um Fokus zu schaffen, und offen genug, um unterschiedliche Lösungsansätze zu ermöglichen.
4. Ideenfindung – Möglichkeitsräume öffnen
Jetzt wird es kreativ. Ziel ist nicht, sofort die perfekte Lösung zu finden, sondern den Möglichkeitsraum eingehend zu erweitern.
Hilfreiche Methoden:
- Brainstorming
- Crazy 8s
- Method Cards
- Analogie-Techniken.
Die Qualität der Ideen ergibt sich meist aus ihrer Vielfalt. Erst später wird, je nach dem konkreten Fall, bewertet, priorisiert und reduziert.
5. Prototyping – Ideen sichtbar machen
Prototypen sind zentrale Artefakte im Design Thinking. Sie verleihen abstrakten Konzepten eine konkrete Form; schnell, leicht und bewusst unperfekt.
Beispiele:
- Skizzen
- Papiermodelle
- Click-Dummies
- Storyboards.
Ein Prototyp muss nicht schön sein. Er muss nur eine Frage beantworten: “Was wollen wir wann und mit welchen Mitteln erreichen?”
6. Testen – Lernen in der Realität
In der abschließenden Phase eines jeden individuellen Zyklus' wird getestet, beobachtet und kritisch hinterfragt:
- Welche Aspekte funktionieren bereits gut?
- Was irritiert ggf.?
- Was fehlt ggf.?
Das Testen ist kein finaler Abschluss, sondern kommt einer Rückführung in den Prozess gleich. Erkenntnisse fließen zurück in frühere Phasen und führen zu überarbeiteten Prototypen, neuen POVs oder weiteren Ideen – ad infinitum.
Ein Beispiel: Ein digitales Service-Tool für Studierende
Um zu zeigen, wie Design Thinking in der Praxis funktioniert, betrachten wir ein vereinfachtes Beispiel, das so ähnlich tatsächlich stattgefunden hat:
Ausgangssituation
Eine Hochschule möchte ein digitales Tool entwickeln, das Studierende bei der Organisation von Prüfungen und darüber hinaus hinsichtlich der Transferleistung des Gelernten in der Zukunft unterstützt.
1. Verstehen
Interviews mit Verwaltungsmitarbeitenden zeigen: Prozesse sind fragmentiert, Deadlines uneinheitlich, Informationen schwer auffindbar, die Dokumentation der Inhalte stark verschachtelt.
2. Beobachten
Teilnehmende Beobachtung zeit: Studierende navigieren zwischen E-Mails, PDFs und unterschiedlichen Portalen. Viele führen parallele, selbst gebaute Lösungen (Notizen & Tabellen in individuell unterschiedlichen Apps).
3. Synthese
Zentrales Problem: Der Informationsfluss ist nicht konsistent, was Stress und unnötige Fehler nach sich zieht. Außerdem ist der fragmentarische Charakter der bestehenden Informationen überaus hinderlich.
4. Ideenfindung
Die Vorschläge im konkreten Fall reichten von einer Kalender-App mit eingebauten Chatbot-Funktionen bis zu automatisierten kontextsensitiven Erinnerungen entlang von Meilensteinen im gesamten Studium und in der initialen Transitphase hinein in den Arbeitsmarkt. Das ganze kommt gepaart mit künstlich intelligenter Vernetzung daher, die explizit auch über die Prüfungsphase hinaus verweist.
5. Prototyping
Ein einfacher Click-Dummy zeigte eine zentrale Übersicht mit Deadlines, Prüfungsanmeldung und personalisierten Hinweisen, die zur Vertestung der Kernfunktionalitäten genügten.
6. Testen
Erste Tests offenbarten: Studierende wünschen sich zusätzlich eine To-do-Sortierung nach selbstständig festzulegender Priorität. Eine solche wurde denn auch in einem folgenden Zyklus implementiert.
Der Prototyp wurde anschließend angepasst, erneut getestet und entwickelte sich so schrittweise weiter.
Fazit: Warum Design Thinking wirkt
Design Thinking schafft einen strukturierten Raum, in dem Menschen, Probleme und mögliche Lösungen in einen produktiven Dialog treten. In der durch das Design Thinking geschaffenen Umgebung ist es möglich, sich entlang neuer, von der gegebenen Norm abweichenden Paradigmen zu bewegen und abseits der ausgetretenen Pfade nach gangbaren Terrain zu suchen. Der Methodenmix des Design Thinkings zwingt unterdessen dazu, echte Bedürfnisse ernst zu nehmen und Lösungen nicht im luftleeren Raum zu entwickeln, sondern sie zu kontextualisieren und mit der jeweiligen Problemstellung zu verschalten. Design Thinking verbindet so Empathie mit Kreativität und schafft es komplexe Problemfelder (be-)greifbar zu machen.
Am Ende lautet die wichtigste Botschaft des Design Thinkings: “Wirklich gute Lösungen entstehen nicht durch lineares Denken, sondern durch neugieriges Lernen, Dialog und kontinuierliches Iterieren.”