21.04.2026 • von Jonas Kellermeyer

Technologie als Selbstzweck? – Keine gute Idee!

Graue Kachel mit dekorativer Grafik

„Ihr wisst es ja, dass die Technik keine Erfindung der Menschen ist. Eher umgekehrt. Die Anthropologen und die Biologen sind sich einig darin, dass schon die einfachen Urorganismen – das Aufgusstierchen und die kleine Alge, wie sie vor einigen Millionen von Lichtjahren [sic!] in einem See existierten – technische Gebilde waren. ‚Technik‘ ist nämlich jedes bestehende System, das die zu seinem Überleben wichtigen Information identifiziert, speichert und bearbeitet, um aus Regelmäßigkeiten bestimmte Verhaltensformen (das heißt: Formen des Einwirkens auf die Umwelt) abzuleiten, die zumindest sein Überleben sichern.“ (Lyotard 2014: 23)

Technik vs. Technologie

Im Alltag verwenden wir die beiden Begriffe weitgehend synonym, doch ist es für die Argumentation im Verlauf dieses Textes wichtig, dass wir trennscharf vorgehen und die mit ihnen verbundenen Konzepte voneinander scheiden: Während der Begriff Technik die konkrete Ausgestaltung eines Änderungen nach sich ziehenden Zugriffs auf die Welt beschreibt – also Werkzeuge, Geräte oder Systeme, die in unserer Realität wirksam werden und ihr eine Form verleihen –, bezeichnet Technologie das zur Anwendung notwendige Wissen, sprich: die zugrunde liegenden Logiken und die systemischen Zusammenhänge. Technik ist somit das, was wir sehen und nutzen; Technologie hingegen geht einher mit einem Wissen darum, was strukturiert, wie und warum diese Nutzung überhaupt möglich ist (vgl. Müller & Spieß 2025: 302).

Diese Unterscheidung ist mehr als semantisch. Sie verschiebt den Blick von der Oberfläche auf die Ebene der Gestaltung. Wenn wir über Technik sprechen, sprechen wir über Lösungen. Wenn wir über Technologie sprechen, sprechen wir über die Bedingungen, unter denen innovative Lösungen überhaupt erst entstehen. Gerade im Kontext sozialer Systeme wird dieser Unterschied entscheidend: Nicht die einzelne Anwendung bestimmt, ob Verbindung gelingt, sondern die zugrunde liegende Logik, die sie organisiert. In diesem Sinne interessiert uns weniger die Frage, welche Technik eingesetzt wird, sondern vielmehr, welche Technologie – verstanden als Ordnungsprinzip – ihr zugrunde liegt und welche Formen von Beziehung sie ermöglicht oder verhindert. Auch, wenn also der „Ausdruck Technik […] analytisch reichhaltiger als Technologie“ (ebd.) daherkommt, wollen wir uns im Folgenden gar nicht so sehr an materiell verfassten Artefakten abarbeiten, sondern uns vor allem um die Dimension der Nutzung kümmern. Was uns hier interessiert, so könnte man es ausdrücken, ist weniger die Hardware als viel mehr die auf ihrer Basis laufende Software.

Warum wir Technologie stärker vom Menschen her denken sollten

„Die Welt, die wir bewohnen, ist eine technische Welt“ (Bense 1949: 191). Ständig sind wir von technischen Artefakten umgeben: künstliches Licht macht die Nacht zum Tag, Herzschrittmacher und Prothesen ermöglichen es uns selbst im Angesicht körperlicher Beeinträchtigungen ein selbstbestimmtes Leben zu führen und Computer sind aus keinem Büro und/oder Wohnraum dieser Welt mehr wegzudenken. Diese Technik in unserer kollektiven Mitte willkommen zu heißen, bedarf es allerdings einer Prozessorientierung, die eng mit dem Begriff der Technologie verbunden ist.

Die Zeit, in der wir leben, ist eine solche, in der jede noch so kleine technologische Innovation nahezu reflexartig als Fortschritt verstanden wird. Neue Tools, neue Plattformen, neue Systeme und mit ihnen neue Habitūs sprießen wie Pilze aus dem Boden und auch die schiere Geschwindigkeit, mit der sich bereits gefundene digitale Lösungen weiterzuentwickeln pflegen, ist gelinde gesagt beeindruckend. Doch genau hier liegt ein Problem, das oft übersehen wird: Man wird das Gefühl nicht los, dass Technologie zunehmend zu einem Selbstzweck verkommt. Effektheischerisch wollen sich viele Player am Markt behaupten und versuchen zu zeigen, dass sie es verstanden haben, vermeintliche Innovationen adäquat zu nutzen. Mit einer Vielzahl an Buzzwords wird denn sogleich auch noch kommuniziert, die jeweilige Lösung gereiche zu einem „Game Changer“ oder sei ein „Must-Have“.
Dabei ist nicht alles, was technologisch möglich ist automatisch auch sinnvoll. Und nicht jede digitale Lösung verbessert das alltägliche Leben der Menschen, die sie nutzen tatsächlich. Im Gegenteil: Immer häufiger entsteht der Eindruck, dass Technologie entwickelt wird, weil sie entwickelt werden kann – nicht, weil sie so auch wirklich gebraucht wird. Dieser Artikel wirft einen kritischen Blick auf die Frage, warum Technologie als Selbstzweck keine gute Idee ist und warum wir dringend eine kritische Perspektive brauchen.

Was bedeutet „Technologie als Selbstzweck“ überhaupt?

Der Umstand, Technologie als Selbstzweck zu betrachten, beschreibt ein Phänomen, bei dem Verfahrensweisen nicht mehr aus einem klaren Bedarf heraus entstehen, sondern schlicht und ergreifend aus dem Grund der Machbarkeit entstehen. Es geht dabei eher um einen Beweis der tatsächlichen Machbarkeit, als um ein wirklich marktreifes Produkt.

Das zeigt sich zum Beispiel, wenn neue Features entwickelt werden, ohne ein reales Problem zu adressieren, oder wenn komplexe Systeme gebaut werden, die niemand wirklich versteht geschweige denn zu nutzen vermag. Innovation, die primär durch Machbarkeit und nicht durch explizite Sinnhaftigkeit getrieben wird, ist ein weiterer Umstand, der im Fahrwasser einer selbstreferenziellen Technikgenese auftauchen kann.

Die zentrale Frage verschiebt sich unterdessen von „Was brauchen Menschen?“ hin zu „Was können wir technisch umsetzen?“ Und genau hier beginnt die Schieflage: Wenn nämlich technologische Zugriffe auf die Welt weniger Funktion denn Flex sind, gelangen wir schnell an einen Punkt, an dem sich das Konglomerat an „einfachen“ Lösungen zu einem undurchsichtigen Knäuel an Komplexität verwandelt.

Warum technologische Zugriffe als Selbstzweck hochproblematisch sind

Ganz grob gesprochen existieren vielerlei Gründe, die dagegen sprechen, technologische Vollzugsweisen um ihrer selbst Willen neu einzuführen. Dabei wollen wir uns im Folgenden auf vier unterschiedlich gelagerte Gründe beschränken, wobei darauf hingewiesen sein soll, dass es selbstredend noch einige weitere Gründe gibt.

1. Lösungen ohne Probleme

Ein klassisches Muster: Es wird eine Lösung entwickelt und erst danach nach einem passenden Problem gesucht. Ein solches Verfahren führt häufig zu Produkten, die zwar technisch beeindruckend sind, aber im Alltag kaum Relevanz haben. Nutzer:innen werden gezwungen, sich an Systeme anzupassen, statt dass Systeme sich an Menschen anpassen. Man ist somit oft einzig mit dem Kreieren eines neuartigen Problems beschäftigt, für das eine vermeintliche Lösung angeboten wird. Das Ergebnis: initial geringe Nutzung, hohe Frustration und ein Gefühl von Überforderung auf Seite der Nutzenden.

2. Steigende Komplexität statt echter Vereinfachung

Technologie wird oft mit Effizienz und Vereinfachung assoziiert. In der Praxis passiert jedoch häufig das Gegenteil. Gerade dann, wenn sich eine regelrechte Schwemme an ähnlichen Tools anbahnt, ist es für individuelle Akteure nicht einfach den Überblick zu behalten.
Neue Tools bringen:

  • zusätzliche Interfaces,
  • neue Vollzugslogiken,
  • weitere Anforderungen an Aufmerksamkeit und Verständnis.

Anstatt Komplexität zu reduzieren, wird sie also allzu häufig nur verlagert. Am Ende müssen die menschlichen Nutzer:innen übernehmen und werden eher überfordert, denn nachhaltig entlastet. Gerade für ältere Menschen oder weniger technikaffine Nutzer:innen kann das zu einem echten Ausschlussfaktor werden.

3. Entfremdung statt Verbindung

Besonders kritisch wird es, wenn Technologie in Bereichen eingesetzt wird, die eigentlich von menschlicher Nähe, Vertrauen und Beziehung leben.

Ein Beispiel ist der Umgang mit sozialer Isolation. Hier entstehen zunehmend digitale Lösungen, die versuchen, Verbindung zu „simulieren“ oder sie in technokratischer Manier zu „optimieren“. Besonders kritisch wird es, wenn gar versucht wird, menschliche Nähe zu substituieren. Denn: Analoge Beziehungen lassen sich nicht beliebig automatisieren.

Wenn Technologie in solchen Kontexten zu dominant wird, besteht die Gefahr, dass sie nicht verbindet, sondern – im Gegenteil – zu massiver Entfremdung und somit in eine regelrechte Abwärtsspirale führt.

4. Verlust von Orientierung

Wenn sich alles als technologisch machbar präsentiert, wird es schwierig zu entscheiden, was wirklich sinnvoll ist – und wo lediglich ein gewisser Flex am Werk ist. Technologische Innovation als Selbstzweck führt dazu, dass Prioritäten verschwimmen, Projekte sich verzetteln und es an einer klaren Richtung mangelt. Und ohne eine solche wird jede Technologie schnell als beliebige Spielerei wahrgenommen.

Warum passiert das überhaupt?

Die Gründe für eine derartige Entwicklung sind vielfältig; es ist trotz allem möglich, gewisse Muster zu erkennen. Wir sollten uns dessen bewusst sein, dass Technologie stets eine Haltung zum Ausdruck bringt; nie ist sie „neutral“, immer komm sie mit bestimmten Annahmen über die Welt und ihre Bewohner:innen daher (vgl. Ihde 1990). Aus genau diesem Grund ist es so wichtig, technologische Möglichkeitsräume entsprechend (kritisch) zu vermessen und sie nicht einfach hinzunehmen. Das Aufkommen hochspezialisierter KI-Systeme, beispielsweise, ist Ausdruck einer regelrechten Neudefinition von „Intelligenz“ an sich. Wurde Intelligenz in der Vergangenheit häufig in einem Atemzug mit Kontemplation genannt, wird sie nunmehr mit Beschleunigung verquickt. Noch nie zuvor war es so einfach, komplexe Sachverhalte derart schnell zu erfassen, wie im Zeichen der gegenwärtigen KI-Schwemme. AI, IoT, Plattformarchitekturen – vieles ist technisch realisierbar. Doch nur weil es machbar ist, muss es nicht zwingend auch sinnvoll sein. Einigermaßen vorschnelles Handeln hat heute Hochkonjunktur. Die Ultima Ratio sind dabei stets die „schwarzen Zahlen“. Der resultierende Innovationsdruck, über den nicht wenige Unternehmen regelmäßig klagen, führt immer häufiger dazu, dass erst gehandelt wird und erst im Nachgang (wenn überhaupt) eine intellektuelle Einordnung vorgenommen wird. „Neu“ wird reflexartig mit „gut“ übersetzt, wobei diese Gleichung lediglich für kurzfristige Entwicklungen Geltung beanspruchen kann. Immer häufiger wird dementsprechend auch ein fehlender Nutzerfokus bemängelt. Wenn wir dazu übergehen Produkte zu entwickeln, ohne die tatsächlichen Bedürfnisse und Defizite echter Nutzer:innen zu kennen, mag das gut gemeint sein, gut gemacht wäre aber eine gänzlich andere Sache.

Was stattdessen nötig ist: Technologie als Mittel zum Zweck

Was folgt aber aus einer solchen Problemdefinition? Wenn Technologie nicht länger einem reinen Selbstzweck gereichen soll, braucht es eine klare Gegenhaltung: Technologie sollte immer von einem menschlichen Bedarf aus gedacht werden. Das klingt einfach – ist aber ein in der Umsetzung anspruchsvolles Unterfangen. Es geht nicht nur einher mit dem augenscheinlichsten Sachverhalt einer radikalen Problemzentrierung, sondern greift darüber hinaus auf das antizipierte Verhältnis von Mensch und Technik über: so sollte etwa übermäßige Seamlessness vermieden werden. Denn obgleich es ästhetisch ansprechend daher kommt, nahtlose Funktionalität in Aussicht zu stellen und so einer regelrechten Wiederverzauberung der Welt (vgl. Hartmann 2005: 276 f.) Vorschub zu leisten, ist Technologie doch niemals neutral. Sie produziert immer machtpolitische Konstellationen – und in dieser Hinsicht ist es wichtig, das menschliche Subjekt nachhaltig zu befähigen, es nicht der technischen Realität unterzuordnen. Im Gegensatz zur Förderung eines Hypes, in dessen Zuge kurzfristige Aufmerksamkeit durch Effekthascherei und einen überaus großen Fokus auf vermeintliche Lösungen organisiert wird, ist ein langfristig angelegter Vollzug vorrangig problemorientiert. Anstatt also auf Biegen und Brechen die Einführung bestimmter Technologien zu fördern, bietet sich, in einer durch technologische Maturity geprägten Welt, der unvoreingenommene Blick auf die wirkliche Problemstellung an: manchmal ist die beste Lösung ein klärendes Gespräch, eine soziale Intervention, eine zu schaffende Struktur und keine App. Wichtig ist dabei außerdem, sicherzustellen, dass menschliche Beziehungen wichtiger sind als bloße Funktionen. Jede Funktion ist nur so gut, wie die wertvolle Unterstützung, die durch sie möglich wird. Zu diesem Zweck gilt ebenfalls, dass die verwendete Technologie gut und gerne im Hintergrund aufgehen darf. Eine Welt, die auf sichtbare Interfaces zu einem Großteil verzichtet, ist eine solche, in der alles potenziell Interface sein kann (vgl. Kaerlein 2015). Im Idealfall merken Nutzer:innen gar nicht, dass sie eine spezielle Technologie nutzen – sie erleben lediglich den in Aussicht gestellten Mehrwert.

Bei alledem gilt idealerweise immer das Prinzip des Vertrauens als Grundlage, das auf manifester Einfachheit fußt. Es geht weniger darum, ein Maximum an Funktionalität in Aussicht zu stellen, als vielmehr einen klaren Kernnutzen in einfach verständlicher Sprache zur Verfügung zu stellen. Und das bedeutet eben auch immer ein vertrauensbasiertes Verhältnis zu den Nutzenden aufzubauen. Ohne ein solches Vertrauen wird sich selbst die beste Technologie niemals durchsetzen.

Fazit: Technologie neu denken – Ein Perspektivwechsel

Wenn wir in der Zukunft also dazu übergehen, Technologie nicht länger als Selbstzweck zu begreifen, verändert sich auch der Blick, den wir auf Innovation werfen grundlegend. Innovation ist dann nicht mehr gleichbedeutend mit mehr Features, mehr Daten und gesteigerter Komplexität, sondern geht einher mit einem geschulten Problembewusstsein, klaren Strukturen und als sinnvoll anerkannten Anwendungen.

Das Ziel sollte als nicht der explizite Verzicht auf Technologie sein, sondern ihre allgemein bewusstere Anwendung. Hierzu bedarf es neben ausgewiesener Kompetenz immer auch der selbstbewussten Haltung von Praxisseite her. Es ist ebenso töricht, Technologie pauschal zu verteufeln, wie in ihr ein Allheilmittel zu erblicken. Nehmen wir sie als das, was sie ist: eine Möglichkeit, menschlichen Einfluss stetig neu und weiter zu denken. Technologischer Vollzug ist dann richtig gut gelungen, wenn er nicht um seiner selbst Willen geschieht, sondern um Menschen zu befähigen.

Literatur

Bense, Max (1949): Technische Existenz. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart.

Hartmann, Georg (2005): „Entzauberung/Wiederverzauberung der Welt.“ In: C. Auffarth et al. (Hg.) Metzler Lexikon Religion. Springer Verlag, Berlin/Heidelberg, S. 276-277.

Ihde, Don (1990): Technology and the Lifeworld. Indiana University Press, Bloomington.

Kaerlein, Timo (2015): „Die Welt als Interface. Über gestenbasierte Interaktionen mit vernetzten Objekten.“ In: Florian Sprenger & Christoph Engelmann (Hg.) Internet der Dinge. Über smarte Objekte, intelligente Umgebungen und die technische Durchdringung der Welt. Transcipt Verlag, Bielefeld, S. 137-160.

Lyotard, Jean-François (2014): „Ob man ohne Körper denken kann.“ In: ders. Das Inhumane. Plaudereien über die Zeit. Passagen Verlag, Wien.

Müller, Marcus & Spieß, Constanze (2025): „Technik als kontroverser Begriff in Diskursen um Mensch und Technologie.“ In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik (2025) 55: S. 297-327.

Über den Autor

Jonas ist Kommunikationsexperte und zeichnet sich seinerseits verantwortlich für die sprachliche Darstellung der Taikonauten, sowie hinsichtlich aller öffentlichkeitswirksamen R&D-Inhalte. Nach einiger Zeit in der universitären Forschungslandschaft ist er angetreten, seinen Horizont ebenso stetig zu erweitern wie seinen Wortschatz.

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