06.05.2026 • von Shirley Schmolke
OpenClaw im Check: Autonomie vs. Kontrolle
Starre Regeln und reaktive Workflows sind kalter Kaffee. OpenClaw verspricht stattdessen proaktive Agenten mit souveräner Entscheidungsfindung. Damit nähert sich KI dem Profil eines echten Teammitglieds an. Tech Researcher Matthias Schmidt berichtet im Interview über unseren Tool-Check im R&D Lab und die von ihm gesetzten Sicherheitsleitplanken.
Befiehlst du noch oder steuerst du schon?
Shirley: Matthias, aus der Dev-Szene hört man ja momentan wirklich täglich etwas Neues. Zurzeit wird zum Beispiel „OpenClaw“ gefeiert. Über 350.000 Sterne auf GitHub in kürzester Zeit. Das ist ja eigentlich völlig irre für ein Projekt, das quasi als Hobby gestartet ist. Auf Social Media kursieren zahlreiche Vergleiche zu Jarvis aus Ironman. Wie denkst du darüber?
Matthias: Es ist auf jeden Fall ultra spannend, was da gerade passiert! Und klar, die Euphorie ist absolut berechtigt, weil OpenClaw die Spielregeln ändert. Stell dir vor, du hast nicht mehr nur einen Chatbot, den du füttern musst, damit er dir antwortet, oder einen Agenten, der stur deine Befehle ausführt.
OpenClaw ist ein bisschen wie eine Art digitales Nervensystem für KI-Modelle. Es ermöglicht ihnen, eigenständig über Kanäle wie Slack oder E-Mail zu agieren und Aufgaben proaktiv zu erledigen, statt nur auf Befehle zu warten. Das Teil hat einen „Heartbeat“. Es schlägt von selbst Alarm, scannt deine Mails oder schlägt Projektphasen vor, während du noch schläfst. Das ist schon eine ganz andere Hausnummer als alles, was wir bisher gesehen haben.
Der Reality-Check im Sicherheitsnetz
Shirley: Okay, wow. Also eine KI, die wirklich vorausschauend mitdenkt und unsere Erwartungen erfüllen kann, bevor wir sie überhaupt formuliert haben. Check. Aber damit das funktioniert, müsste der Agent ja theoretisch alles über mich und meine Arbeit wissen. Und sämtliche Berechtigungen haben. Das ist schon verdammt viel Macht, oder?
Matthias: Ganz genau. Damit dieser „Jarvis-Effekt“ eintritt, musst du der KI quasi nicht nur die Schlüssel zu deinem digitalen Vorgarten geben, sondern zu jedem einzelnen Raum in deinem gesamten Haus inklusive Keller, Dachboden und Garage. Hier landen wir in einem echten Paradoxon: Die größte Stärke von OpenClaw, diese maximale Proaktivität, ist gleichzeitig auch die Achillesferse.
Wenn ich der KI aus Sicherheitsgründen den Zugriff einschränke, damit sie keinen Unfug macht, verliert sie sofort ihren Witz. Dann ist sie wieder nur ein braves Tool, das auf meine Klicks wartet. Gebe ich ihr aber die volle Freiheit, gebe ich die Kontrolle komplett ab. Das ist natürlich ein Risiko, das wir insbesondere im Unternehmenskontext extrem vorsichtig bewerten und im sicheren Raum testen müssen.
Shirley: Und wie ich gehört habe, hast du zusammen mit dem R&D Team hier bereits ein internes Pilotprojekt durchgeführt und OpenClaw sozusagen als neues Teammitglied zur Probearbeit eingeladen. Hattest du dabei ein mulmiges Gefühl, so viel Kontrolle abzugeben?
Matthias: Ich weiß worauf du anspielst. Es gab ja in letzter Zeit diverse Berichte von vollständig gelöschten Postfächern und Datenverlusten. Aber nein, ich hatte bei unserem Test gar keine Bedenken. Ich war mir dessen ja bewusst und habe schon vor Beginn für eine sichere Umgebung gesorgt. Alles andere wäre absolut fahrlässig gewesen. Nicht nur für uns, sondern auch für die Unternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten.
Shirley: Da muss ich jetzt genauer nachhaken. Was genau bedeutet denn in diesem Zusammenhang eine “sichere Umgebung”?
Matthias: Der Test lief ausschließlich in einer strikten Sandbox auf einem isolierten Laptop. Dieser Laptop hatte keinen Zugriff auf echte Kundendaten, keine Verbindung zu sensiblen Systemen oder zu unserem Netzwerk. Und zusätzlich haben wir natürlich auch ausschließlich interne Dokumente zum Testen verwendet, die ebenfalls keinerlei sensible Daten beinhalten. Dieses Vorgehen ist auch meine dringende Empfehlung an alle Teams, die ebenfalls planen, mit OpenClaw zu experimentieren. Macht das unbedingt, sammelt Erfahrungen. Aber baut euch dafür ebenfalls einen sicheren Raum.
Shirley: Valider Punkt. Als der neue Arbeitsplatz für euren digitalen Kollegen dann eingerichtet war, welche Rolle habt ihr ihm gegeben?
Matthias: Naja, wir suchen ja aktuell einen Data Scientist und haben diese offene Position direkt mal dafür genutzt, um zu schauen, ob OpenClaw diese Aufgabe interim übernehmen könnte. Wir haben sie darauf angesetzt, eigenständig Datenstrukturen für unser Pilotprojekt zu analysieren und proaktiv Lösungsvorschläge zu erarbeiten. Aber so ganz happy waren wir nicht.
Ich bin dazu auch mit Sascha, unserem Creative Technologist, ins Gespräch gekommen. Er gibt bei uns ja auch Kurse für den wirksamen Einsatz von KI im Arbeitsalltag und hat unseren Impuls aus dem R&D noch mal bestätigt, OpenClaw vielleicht auch mal als Projektleiter ins Rennen zu schicken. Technisch gesehen war das faszinierend: Die KI hat dabei proaktiv eigene Unter-Agenten für notwendige Teilaufgaben gespawnt. Ein irre spannendes Experiment.
Was wir aus unserem OpenClaw Test mitnehmen
Shirley: Und ist aus dem Experiment jetzt auch eine Festanstellung für OpenClaw dabei rumgekommen oder wie seid ihr miteinander verblieben?
Matthias: Wir haben leider feststellen müssen, dass wir da aktuell einfach noch nicht zusammenkommen. Die Ergebnisse waren eher “superkonzeptionell”. Zumindest zum aktuellen Zeitpunkt. Aber momentan bewegt sich jeden Tag so viel im Tech-Bereich, wir bleiben da einfach noch weiter dran und lernen weiter von und miteinander. OpenClaw ist ein unfassbar spannendes Projekt. Und es ist ja auch immer die Frage: Ist es wirklich die Technologie, die noch nicht reif genug ist für unser Vorhaben oder ist es unser Umgang mit der Technologie?
Shirley: Da hast du vollkommen Recht. Die Fähigkeit, sich selbst und den Umgang mit Technologie regelmäßig kritisch zu hinterfragen, ist definitiv eine Kompetenz, die genau aus diesem Grund immer mehr an Bedeutung gewinnt. Zum Schluss möchte ich gerne noch von dir wissen, wie war das Experiment für dich ganz persönlich? Und wie fühlst du dich mit dem aktuellen Ergebnis?
Matthias: Es war natürlich eine Achterbahnfahrt, wenn auch eine sanfte. Im ersten Moment war ich sehr hoffnungsvoll. Gerade wenn man eben diesen Jarvis-Vergleich aufmacht, startet man ja automatisch mit recht hohen Erwartungen. Aber weil ich eben auch jahrelange Erfahrung im Tech-Bereich mitbringe, bin ich vermutlich auch von Anfang an mit einer gesunden Portion Skepsis an das Experiment rangegangen. Mir war klar, dass wir eben nicht sofort beim ersten Anlauf ein perfektes Rundum-Sorglos-Paket für uns finden, sondern noch ein paar Extrarunden drehen werden.
Im Nachhinein habe ich mir auch die Frage gestellt, ob mein Experimentdesign zu starr war, um das volle Potenzial realistisch auszuschöpfen. Oder ob mein Prompting zu „verkopft“ ist, weil ich stellenweise schon zu tief drin bin im Umgang mit bisherigen KI-Lösungen. OpenClaw ist ja aber nun mal ganz klar ein anderes Level, das eine andere Logik im Umgang benötigt. Und dann haben wir da halt auch noch zusätzlich den Spagat zwischen Autonomie und Datenschutz, den es im Unternehmenskontext immer auszutarieren gilt. Schlussendlich habe ich mir all diese Fragen selbst noch nicht final beantworten können. Und genau das reizt mich. Stillstand ist bei diesem Tempo am Markt pures Gift. Und das liebe ich an unserem Spirit hier bei den Taikonauten: Wir bleiben dran, wir lernen und wir finden heraus, wie wir die optimalen Rahmenbedingungen schaffen, in denen sich Potenziale effektiv entfalten können. Für uns und andere Menschen.