06.03.2026 • von Jonas Kellermeyer

Intergenerationale Solidarität als Voraussetzung einer gerechten Digitalisierung

Schwarze Kachel mit dekorativem Element (grau)

Dass sich unterschiedliche Generationen voneinander abgrenzen, ist kein wirklich neues Phänomen. Jede Generation entwickelt eigene Werte, Kommunikationsformen und Abgrenzungsmechanismen – oft in bewusster Distanz und Opposition zu ihren respektiven Vorgänger:innen. Dieser Prozess ist nicht per se problematisch. Er ist Ausdruck gesellschaftlicher Dynamik und kulturellen Wandels. Konflikte zwischen Alt und Jung sind seit jeher ein Motor gesellschaftlicher Entwicklung, ein Ort der Reibung, an dem neue Ideen entstehen und tradierte Gewissheiten hinterfragt werden. Dieser Text ist im Rahmen unserer Forschung im aktuellen R&D-Projekt entstanden und weist auf verschiedene Aspekte unserer Betätigung hin.

Digitalisierung ist für alle da

Problematisch wird es jedoch dort, wo diese Abgrenzung auf strukturelle Realitäten trifft, die nicht ignoriert werden können. Gerade mit Hinblick auf einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt, der sich unter anderem in der Nutzung technologischer Neuerungen niederschlägt, ist es unabdingbar, eine neue Form der intergenerationalen Solidarität anzustreben.

Digitalisierung ist kein bloß technisches Phänomen. Sie kommt einer tiefgreifenden Umgestaltung unserer Lebens- und Arbeitswelt gleich. In ihrem Fahrwasser verändern sich Kommunikationsweisen, Wissenszugänge, Arbeitsformen, politische Diskurse, intime Beziehungen und kulturelle Praktiken. Wer Digitalisierung lediglich als Mittel zum Zweck begreift, unterschätzt ihre gesellschaftliche Tragweite. Sie ist Infrastruktur, Machtfaktor und Sozialraum zugleich.

In dieser neuen digitalen Lebenswelt zeigen sich generationale Unterschiede besonders deutlich. Während jüngere Menschen mit digitalen Technologien aufwachsen und diese selbstverständlich in ihre Identitätsbildung integrieren, erleben viele ältere Menschen digitale Transformationen als mehr oder minder starke Zumutung, die mit einer bisweilen schwindelerregenden Beschleunigung oder gar mit einem Verlust vertrauter Ordnungen einher gehen. Die Debatte wird jedoch häufig verkürzt geführt: Die einen gelten als „Digital Natives“, kompetent und flexibel; die anderen als „Abgehängte“, als sprichwörtlicher Hemmschuh des Fortschritts. Solche Zuschreibungen sind nicht nur vereinfachend und verkürzter Natur, sie sind überdies Ausdruck eines tieferliegenden Problems.

Die Wurzel des Problems

Dieses Problem liegt vor allem in einem gesellschaftlichen Paradigma begründet, das Individualisierungstendenzen über Solidarität stellt. In einem exzessiven Individualismus wird Verantwortung zunehmend privatisiert (vgl. Rose 1999; Abels 2016: 369 ff.). Wer mit digitalen Technologien nicht Schritt hält, gilt als selbst schuld. Wer sich der Logik permanenter Optimierung entzieht, wird als rückständig markiert. Gesellschaftliche Teilhabe wird an individuelle Anpassungsfähigkeit geknüpft. Und genau das ist eine fatale Fehlentwicklung! Denn Digitalisierung ist alles, nur keine individuelle Entscheidung. Sie ist eine strukturelle Realität, deren Wirksamkeit sich vornehmlich intersubjektiv zeigt. Staatliche Dienstleistungen, medizinische Versorgung, Bildungsangebote, Bankgeschäfte, politische Informationskanäle – all diese Bereiche verlagern sich zunehmend in digitale Räume. Wer keinen Zugang hat, keine Kompetenzen oder wem es an Ressourcen mangelt, der wird strukturell ausgeschlossen. Dieser Ausschluss ist kein individuelles Versagen, sondern ein kollektiv-gesellschaftliches.

Die (digitale) Generationenfrage

Intergenerationale Solidarität bedeutet daher mehr als gegenseitiges Verständnis oder wohlmeinende Dialogformate. Sie geht einher damit, Ungleichheiten anzuerkennen und gemeinsam Verantwortung für gerechte Teilhabe zu übernehmen. Sie fragt nicht: „Warum gehen die Alten nicht mit der Zeit?“, oder: „Warum preschen die Jungen derart voran?“ Es geht viel mehr um eine Grundsatzfrage, die sowohl die einen wie auch die anderen bewegt: „Wie gestalten wir Rahmenbedingungen, bei denen sich niemand zurückgelassen fühlt?“

Dabei geht es eben nicht nur um ältere Menschen. Auch jüngere Generationen sind in spezifischer Weise vulnerabel. Sie wachsen in einer digitalisierten Welt auf, deren ökonomische Logiken auf Aufmerksamkeit, Selbstinszenierung und permanentem Wettbewerb beruhen. Sie sind Zielgruppe datengetriebener Geschäftsmodelle, deren Auswirkungen auf psychische Gesundheit, Selbstwahrnehmung und soziale Beziehungen noch längst nicht vollständig erforscht sind. Wenn wir von intergenerationaler Solidarität sprechen, müssen wir auch anerkennen, dass digitale Kompetenzen nicht automatisch an absolute Souveränität geknüpft sind (vgl. Endter 2021).

Die Mär der Eigenverantwortung

Exzessiver Individualismus verschärft diese Dynamiken. Er suggeriert, jede:r könne sich durch richtige Entscheidungen, ausreichend Selbstoptimierung und technologische Anpassung aus strukturellen Zwängen befreien. Doch digitale Infrastrukturen sind von wirtschaftlichen Interessen, politischen Entscheidungen und globalen Machtverhältnissen geprägt. Sie sind nicht neutral. Wer sie nutzt, bewegt sich in explizit vorgezeichneten Architekturen.

Intergenerationale Solidarität eröffnet hier einen anderen Horizont. Sie verschiebt den Fokus von individueller Leistungsfähigkeit auf kollektive Gestaltungsmacht und Deutungshoheit. Durch eine intergenerationale Brille betrachtet, wird es möglich, den Sachverhalt der Digitalisierung als gesellschaftliche Aufgabe zu begreifen. Die maßgebliche Fragen lauten entsprechend: Wie können wir digitale Räume so gestalten, dass sie inklusiv sind? Wie können wir technologische Innovation mit sozialer Verantwortung verbinden? Wie können unterschiedliche Generationen voneinander lernen, ohne sich gegenseitig abzuwerten?

Ein solcher Perspektivwechsel setzt voraus, dass wir Generationen nicht als homogene Blöcke begreifen. Auch innerhalb einer Altersgruppe existieren massive Unterschiede hinsichtlich Bildung, Einkommen, kulturellem Kapital und technischer Ausstattung. Der Generationenkonflikt verdeckt häufig soziale Ungleichheiten. Wer von „den Jungen“ oder „den Alten“ spricht, vereinfacht komplexe Realitäten und zieht idiosynkratische Gräben genau dort, wo eigentlich Brückenbau Not täte.

Ein durch und durch demokratisches Projekt

Intergenerationale Solidarität bedeutet daher auch, soziale Fragen nicht zu entpolitisieren. Digitale Teilhabe hängt von Infrastruktur, Bildungsangeboten, finanziellen Ressourcen und institutionellen Rahmenbedingungen ab. Wenn wir Digitalisierung als gesellschaftliches Projekt zu verstehen gewillt sind, müssen wir sie demokratisch aushandeln. Dazu gehört es, unterschiedliche Erfahrungswelten ernst zu nehmen – eben jene Welten, die von verschiedenen Generationen bevölkert sind.

Ältere Generationen bringen historische Perspektiven, Erfahrungswissen und einen kritischeren Blick auf technologische Heilsversprechen mit. Jüngere Generationen verfügen über intuitive Medienkompetenzen, experimentelle Offenheit und neue Kommunikationsformen. Beide Perspektiven sind notwendig. Wo sie sich begegnen, entsteht ein Raum, in dem Digitalisierung nicht als alternativloser Fortschritt, sondern als gestaltbarer Prozess verstanden wird.

Eine Gesellschaft, die intergenerationale Solidarität ernst nimmt, investiert nicht nur in technische Infrastruktur, sondern auch in Begegnungsräume. Sie schafft Begegnungsorte, an denen Wissen geteilt wird und in der beide Gruppen nachhaltig voneinander profitieren. Sie versteht Lernen nicht als einseitigen Transfer, sondern als dialogischen Prozess. Und sie erkennt an, dass auch Widerstand gegen bestimmte Entwicklungen legitim sein kann, sei es der Schutz der Privatsphäre oder aber die Möglichkeit des nahezu unmittelbaren Feedbacks.

Verständnis schaffen – Begegnung organisieren

Solidarität bedeutet niemals lediglich blinde Zustimmung. Sie geht einher mit der Fähigkeit, Differenzen und Ambiguitäten auszuhalten – und dennoch ein gemeinsames Ziel zu verfolgen. Im Kontext der Digitalisierung heißt das: Wir müssen darüber streiten dürfen, welche Technologien wir wie nutzen wollen, welche Risiken wir eingehen und welche Grenzen wir wo zu setzen gedenken. Aber wir dürfen diesen Streit nicht entlang starrer Generationslinien führen.

Der exzessive Individualismus unserer Zeit fördert hingegen eine Vereinzelung, die kollektive Verantwortung unterminiert (vgl. Morton 2019). Wenn jede:r primär mit der eigenen Optimierung beschäftigt ist, bleibt wenig Raum für strukturelle Reflexion. Digitalisierung wird dann zu einem weiteren Feld, in dem sich Wettbewerb und Selbstvermarktung entfalten. Solidarität erscheint allzu häufig als moralischer Zusatz, nicht als strukturelle Notwendigkeit. Das gilt es zu ändern! Wenn wir jedem die Möglichkeit zubilligen, gehört zu werden, schaffen wir in der Folge auch das Fundament freundschaftlicher Begegnungen.

Eine Voraussetzung für gleichberechtigte Teilhabe

Ohne intergenerationale Solidarität droht Digitalisierung zu einem Verstärker bestehender Ungleichheiten zu werden. Mit ihr kann sie hingegen zu einem Instrument gesellschaftlicher Öffnung werden, in dem man das Konzept der Mitmenschlichkeit auf neue Füße zu stelle vermag. Das erfordert politische Weichenstellungen, institutionelle Reformen und kulturelle Sensibilität. Vor allem aber erfordert es eine Haltung. Eine Haltung, die anerkennt, dass wir in einer geteilten Lebenswelt leben – analog wie digital. Eine Haltung, die Verantwortung nicht strikt delegiert, sondern sie organisch teilt.

So verstanden ist intergenerationale Solidarität weder nostalgisches Ideal noch utopisches Wunschdenken. Sie ist eine pragmatisch erreichbare Notwendigkeit in einer Zeit tiefgreifender Transformation. Sie erinnert uns daran, dass Fortschritt nicht allein an Geschwindigkeit gemessen werden darf, sondern an der Frage, an wen er sich richtet.

Wenn die digitale Infrastruktur unserer Zukunft halten soll, was sie verspricht, dann bedarf es Angeboten, die alle ansprechen. Letztich entscheidet sich an der Ausgestaltung auch die wahrhafte Qualität unseres gemeinsamen Zusammenlebens.

Fazit: Eine digitale Zukunft, die für uns alle funktioniert

Ob wir in fragmentierten Parallelwelten existieren oder in einem gemeinsamen Raum, der Vielfalt zulässt und Zusammenhalt stärkt, ist keine rein technische Frage. Es ist eine gesellschaftliche Dimension.

Intergenerationale Solidarität bietet hierfür eine unter vielen normativen Leitplanken. Sie verbindet Gerechtigkeit mit Empathie, Strukturkritik mit Dialogbereitschaft und technologischen Wandel mit sozialer Verantwortung. In einer Zeit, in der Individualisierung oft als höchstes Gut gilt, erinnert sie uns daran, dass Teilhabe nicht isoliert gedacht werden kann, sondern eine Form der kollektiven Verantortung voraussetzt (vgl. Morton 2019).

Digitalisierung betrifft uns alle. Ihre Gestaltung ist daher auch unser aller geteilte Aufgabe – über jegliche Generationengrenzen hinweg.

Literatur

Abels, Heinz (2016): Identität. Über die Entstehung des Gedankens, dass der Mensch ein Individuum ist, den nicht leicht zu verwirklichenden Anspruch auf Individualität und Kompetenzen, Identität in einer riskanten Moderne zu finden und zu wahren. Springer VS, Wiesbaden.

Endter, Cordula (2021): Assistiert altern. Die Entwicklung digitaler Technologien für und mit älteren Menschen. Springer VS, Wiesbaden.

Morton, Timothy (2019): Ökologisch sein. Matthes & Seitz, Berlin.

Rose, Nikolas (1999): Powers of Freedom: Reframing Political Thought. Cambridge University Press, Cambridge.

Über den Autor

Jonas ist Kommunikationsexperte und zeichnet sich seinerseits verantwortlich für die sprachliche Darstellung der Taikonauten, sowie hinsichtlich aller öffentlichkeitswirksamen R&D-Inhalte. Nach einiger Zeit in der universitären Forschungslandschaft ist er angetreten, seinen Horizont ebenso stetig zu erweitern wie seinen Wortschatz.

Lachender junger Mann mit Brille