07.01.2026 • von Jonas Kellermeyer

Digitales Prototyping: Wie Ideen im Virtuellen Form annehmen

Hand, die über einen Bildschirm wischt (Darstellung mit künstlerischem Farbverlauf)

Digitales Prototyping ist längst kein Spezialwerkzeug mehr, sondern gereicht viel mehr zu einer Grundvoraussetzung für moderne digitale Produktentwicklung. Es ist eine Methode, die es erlaubt, abstrakte Konzepte mit spekulativem Leben zu füllen, bevor die erste Zeile Code überhaupt entsteht. Es handelt sich also um ein erstes Sneak Peak, das über ein bloßes Look & Feel weit hinausgeht. Es werden Annahmen überprüft, Funktionen getestet und darüber hinaus wird auch probiert, Nutzerperspektiven frühzeitig zu integrieren. Kurz: Digitales Prototyping hilft dabei, bloße Ideen in etwas zu verwandeln, das sich prüfen, verbessern und weiterdenken lässt.

Was ist digitales Prototyping?

Digitales Prototyping bezeichnet die Erstellung früher digitaler Entwürfe eines Produkts oder Services, um Funktionen, Interaktionen und Nutzungserlebnisse zu testen, bevor in eine kostspielige Entwicklung investiert wird.
Dabei kann der Prototyp minimalistisch sein ohne bereits wie ein komplett fertiges Produkt zu wirken.

Wesentlich für das digitale Prototyping ist nicht die absolute Perfektion des Produkts, sondern die Vertestung der antizipierten Funktionalität. Ein Prototyp dient letztlich dazu, offene Fragen zu beantworten, nicht dazu, fertig zu wirken.

Warum digitales Prototyping unverzichtbar ist

Digitale Produkte sind komplex. Sie bestehen aus Navigationsebenen, Interaktionsmustern, Microcopy, entsprechender Nutzungslogik und explizit visuellen Komponenten. In dieser Vielschichtigkeit einen Entwicklungsprozess ohne paralleles Prototyping zu starten, ist in etwa, wie ein Haus ohne Plan zu bauen.
Digitales Prototyping schafft Orientierung und verhindert, dass falsche Annahmen erst viel zu spät sichtbar werden.

  1. Risiken minimieren, bevor sie entstehen
    Ein digitales Produkt kostet erst dann richtig viel Geld, wenn es entwickelt wird. Prototypen ermöglichen es, Fehler früh zu erkennen und sie dort, zu korrigieren, wo es noch relativ günstig ist.
  2. Nutzerzentrierung von Beginn an
    Ob eine Navigation intuitiv ist, zeigt sich häufig nicht auf dem Papier, sondern erst in dem Moment, in dem ein Klick stattfindet. Prototypen erlauben echte Interaktionen, nicht nur hypothetische Einschätzungen.
  3. Gemeinsames Denken im Team
    Ein digitaler Entwurf schafft ein gemeinsames Bild, das Missverständnisse, die in Meetings oft übersehen werden, sofort hervortreten lässt.
  4. Geschwindigkeit durch Greifbarkeit
    Entwürfe, die getestet werden, bringen Projekte schneller voran als lang formulierte Spezifikationen. Sichtbarkeit erzeugt Tempo und schafft die nötige Klarheit, um nachgoren zu denken.

Die wichtigsten Formen des digitalen Prototypings

Digitales Prototyping ist ein Spektrum. Von grob bis hochpräzise, von statisch bis interaktiv. Jede Stufe hat ihren jeweiligen Platz und beantwortet andere Fragen.

Low-Fidelity-Prototypen: Wo Ideen entstehen

Low-Fidelity-Prototypen (“Lo-Fi”) sind bewusst unperfekt. Sie bestehen aus einfachen Wireframes, Skizzen oder Klickflächen. Geeignet sind dieses für:

  • eine erste Strukturierung von Inhalten
  • frühe Usability-Tests
  • Alignment im Team (“Meinen wir alle dasselbe?”)

Lo-Fi heißt letztlich: schnell, leicht, günstig und ist somit ideal, um möglichst viele Varianten auszuprobieren.

High-Fidelity-Prototypen: Die beinahe echte Erfahrung

High-Fidelity-Prototypen (“Hi-Fi”) kommen der finalen Benutzung sehr nahe. Hier geht es um visuelle Gestaltung, Interaktionslogik und den Informationsfluss bei der Verwendung.
Hi-Fi-Prototypen sind ideal für:

  • realistische Nutzertests
  • Stakeholder-Feedback
  • Feinschliff von Design und UX
  • Validierung komplexer Interaktionen.

Tools wie Figma, Adobe XD oder Sketch erlauben es, komplexe Klickpfade abzubilden und die User Journey fast wie in einer echten App erlebbar zu machen. Mittels moderner KI Pluggins können solche Hi-Fi-Prototypen mitunter in kürzester Zeit bereitgestellt werden.

Click-Dummies: Die schnellste Simulation eines digitalen Produkts

Der Click-Dummy ist einer der effektivsten digitalen Prototypen. Er besteht aus statischen Screens, die durch klickbare Hotspots miteinander verbunden sind.
Man klickt sich durch das Produkt, ohne dass eine einzige Funktion dahinter final implementiert sein muss.
Vorteile von Click-Dummies:

  • extrem schnell produziert
  • ideal für frühe Nutzertests
  • gut geeignet für Stakeholder- und Kundenpräsentationen
  • keine/geringe Programmierkenntnisse nötig
  • perfekte Grundlage für Alignment zwischen Design und Entwicklung.

Ein Click-Dummy beantwortet die vielleicht wichtigste Frage: Funktioniert die Struktur des Produkts so, wie wir es uns idealerweise vorstellen?

Storyboards: Die narrative Seite des Prototypings

Storyboards ergänzen das digitale Prototyping um eine narrative Ebene. Statt nur Screens zu zeigen, erzählen sie eine Geschichte:
Wer nutzt das Produkt? In welchem Kontext? Mit welchem Ziel? Und welche Emotionen entstehen dabei vorzugsweise?
Storyboards sind besonders hilfreich, wenn:

  • ein Produkt in einen realen Nutzungskontext eingebettet ist
  • eine neue Funktion erklärt werden muss
  • komplexe oder mehrschichtige User Journeys strukturiert werden sollen
  • Teams aus unterschiedlichen Disziplinen zusammenarbeiten.

Ein Storyboard schafft intersubjektive Empathie, noch bevor ein erster Klick getätigt wird.

Digitales Prototyping als Denkhaltung

Digitales Prototyping ist mehr als eine Methode: Es ist eine strategische Denkweise. Es fördert den Mut zum Unfertigen, zur Iteration und zum Lernen. Statt lange zu planen, wird ausprobiert. Statt blind zu spekulieren, wird wissbegierig getestet. Statt Annahmen zu stapeln, werden Erkenntnisse gesammelt.

In einer Welt, in der Komplexität zunimmt und Zeit immer größere Budgets verschlingt, ist digitales Prototyping eine willkommene Methode, die Klarheit verspricht.

Es geht einher mit jenem Moment, in dem eine Idee sagt: “So könnte ich aussehen. Und jetzt lass uns darüber reden.”

Fazit zum digitalen Prototyping

Digitales Prototyping verbindet Geschwindigkeit, Kreativität und Nutzerzentrierung. Ob Lo-Fi-Wireframe, Hi-Fi-Clickdummy oder Storyboard-basierte User Journey: Jede Form hilft, digitale Produkte verständlicher zu gestalten, sie menschlicher und somit erfolgreicher zu machen.

Wer digital prototypisiert, gestaltet nicht nur Interfaces, sondern sorgt auch für belastungsfähige Entscheidungen.

Über den Autor

Jonas ist Kommunikationsexperte und zeichnet sich seinerseits verantwortlich für die sprachliche Darstellung der Taikonauten, sowie hinsichtlich aller öffentlichkeitswirksamen R&D-Inhalte. Nach einiger Zeit in der universitären Forschungslandschaft ist er angetreten, seinen Horizont ebenso stetig zu erweitern wie seinen Wortschatz.

Lachender junger Mann mit Brille